Opening excerpt

Die Richterin

Conrad Ferdinand Meyer1885

Erstes Kapitel

"Precor sanctos apostolos Petrum er Paulum!" psalmodierten die Mönche auf Ara Cöli, während Karl der Große unter dem lichten Himmel eines römischen Märztages die ziemlich schadhaften Stufen der auf das Kapitol führenden Treppe emporstieg. Er schritt feierlich unter der Kaiserkrone, welche ihm unlängst zu seinem herzlichen Erstaunen Papst Leo in rascher Begeisterung auf das Haupt gesetzt. Der Empfang des höchsten Amtes der Welt hatte im Ernste seines Antlitzes eine tiefe Spur gelassen. Heute, am Vorabend seiner Abreise, gedachte er einer solennen Seelenmesse für das Heil seines Vaters, des Königs Pippin, beizuwohnen.

Jetzt hielten sie vor der ersten Stufe, während oben auf dem Platze Karl mit Alcuin bei dem ehernen Reiterbilde stillestand. "Ich kann es nicht lassen", sagte er zu dem gelehrten Haupte, "den Reiter zu betrachten. Wie mild er über der Erde waltet! Seine Rechte segnet! Diese Züge müssen ähnlich sein."

Sie gingen der Pforte von Ara Cöli zu, durch welche sie verschwanden, der Kaiser schon in Andacht vertieft, so daß er einen netten jungen Menschen in rätischer Tracht nicht beachtete, der unferne stand und durch die ehrfürchtigsten Grüße seine Aufmerksamkeit zu erregen suchte.

"Wer ist's?" fragte einer.

"Ein griechischer Kaiser"

"Den setzen wir ab"—

"Wie er die Beine spreizt!"—

"Reitet der Kerl in die Schwemme?"—

"Holla, Stallknecht!"—

"Nettes Tier!"—

"Wülste wie ein Mastschwein!"

So ging es Schlag auf Schlag, und ein frecher Witz überblitzte den andern. Das antike Roß wurde gründlich und unbarmherzig kritisiert.

Über eine gepanzerte Schulter wendete sich ein junger Rotbart und sprach gelassen: "Wir schwänzen sie meistenteils." Dann kehrte sich der ganze Höfling, ein baumlanger Mensch, und fragte den Räter mit einem spöttischen Gesichte: "Welcher Eltern rühmst du dich, Knabe?"

"Räter", sprach der Lange ernsthaft, "du bist an den Quell der Wahrheit gesendet. Hier stehst du auf den Schwellen der Apostel und über den Grüften unzähliger Bekenner. Lege wahrhaftes Zeugnis ab und bekenne tapfer: Ich bin der Sohn des Bischofs."

Eben intonierten die Mönche von Ara Cöli mit jungen und markigen Stimmen die dunkle Klage und flehende Entschuldigung: "Concepit in iniquitatibus me mater mea!"

"Hörst du", und der Höfling deutete nach der Kirche, "die dort wissen es!" Der ganze Haufe schlug eine schallende Lache auf.

"Du sprichst wahr und weise, Bischofssohn", parodierte ihn der Höfling, "und wäre mein Alcuin nicht längst unter die Hebräer gegangen, mochte es geschehen, daß wir zweie zu dieser Stunde darum ein kurzweiliges Würfelspielchen machten."

"Weisheit!" spottete der Rotbart, "ich versichere dir: lauter dummes
Zeug. Übrigens weiß ich es auswendig. Höre nur, Bergbewohner!" Er

krümmte den langen Rücken wie ein verbogener Schulmeister, zog die

Brauen in die Höhe und wendete sich an den jüngsten der Bande, einen

Krauskopf, der, fast noch ein Knabe, aus südlichen Augen lachend mit

Lust und Liebe auf das gottlose Spiel einging.

"Ein Licht zwischen sechs Wänden", antwortete der Knabe andächtig.

"Welche Wände?"

"Das Links, das Rechts, das Vorn, das Nichtvorn, das Oben, das Unten." Jeden dieser Räume bezeichnete er mit einer Gebärde: beim fünften starrte er in den leuchtenden Himmel hinauf, als bestaune er einen Engelreigen, und bohrte schließlich einen stieren Blick in den Boden, als entdecke er die verschüttete Tarpeja. Jubelndes Klatschen belohnte die Faxe.

Coming soon

End of the opening

The full book continues with a subscription. We are setting the last titles now — the reader opens soon.

The reading room